Volksstimme Samstag, 23. Mai 2026 VON RONALD FEISEL
HISTORIE Die „Magdeburger Bluthochzeit“ ist als größtes Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung im Dreißigjährigen Krieg in die Geschichte eingegangen. Etwa 25.000 Menschen wurden ermordet.
Bild entfernt (keine Rechte) Die Belagerung Magdeburgs endete in einem Massaker, als die kaiserlichen Truppen 1631 einmarschierten. Der Maler Pieter Meulener hielt die Geschehnisse um 1650 in einem Bild fest (Ausschnitt).Foto: Imago/Heritage Images/Pieter Meulener
Gruß Dir, mächtige Jungfrau Maria, Dir zulieb führ’ Krieg ich, und Dir zuliebe entflammt Heiliges Feuer mein Herz“, verspricht der 1559 geborene Johann T’Serclaes von Tilly der Mutter Gottes. Er spendet ein Vermögen, damit im bayerischen Altötting täglich eine Messe für ihn gelesen wird. Diese heilige Allianz funktioniert zumindest am Anfang. Denn der Feldherr Tilly eilt von Sieg zu Sieg.
Der asketische Tilly besiegt die Protestanten in Böhmen und die Dänen in Niedersachsen. Doch diese Erfolge für den katholischen Kaiser Ferdinand II. bedrohen die Schweden unter ihrem protestantischen König Gustav II. Adolf. „Der Löwe aus Mitternacht“, wie er genannt wird, marschiert von Norden in deutsche Lande und macht aus dem ursprünglich regionalen Konflikt der Religionen einen kleinen Weltkrieg. Denn auch Frankreich, Polen, Spanien, England und die Niederlande mischen plötzlich mit. Doch der wirklich große Krieg findet zwischen 1618 und 1648 überwiegend auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation statt.
Reichste Stadt belagert
Magdeburg ist in diesen Jahren die prominenteste und reichste Stadt der Protestanten. Schon Ende November 1630 lagern die ersten kaiserlichen Soldaten unter Gottfried Heinrich zu Pappenheim vor der Stadt. Doch die ist gut befestigt, hat ein Bündnis mit den Schweden geschlossen und einen entschlossenen Kommandanten Dietrich von Falkenberg.
Im Frühjahr 1631 zieht auch Tilly selbst vor die Tore von Magdeburg und will so den Schwedenkönig in eine offene Schlacht locken. Der tiefgläubige Tilly weiß um seine Macht und sagt: „Ihr müsst wissen, dass Ihr nicht ländliche Bauern, sondern einen guten Wall von Soldaten vor Euch habt.“ Doch Gustav Adolf will die offene Auseinandersetzung (noch) nicht und lässt das tapfere Magdeburg im Stich.
Obwohl die Stadt nun schon seit Wochen belagert und beschossen wird, hofft Falkenberg immer noch auf die Schweden oder eine Verhandlungslösung. Noch am 20. Mai 1631, also vor 395 Jahren, versucht er in einer Rede den Rat der Stadt zu beruhigen. Doch als er die Versammlung verlässt, sind bereits die ersten Soldaten Tillys in der Stadt.
Anfangs können die Verteidiger noch den einen oder anderen Angriff abwehren. Doch als Falkenberg von einer Kugel getroffen wird, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Die gar nicht so katholischen und kaiserlichen Truppen von Tilly sind nach Wochen der Belagerung in jeder Beziehung ausgehungert und verhalten sich dementsprechend. Nach dem damaligen Kriegsrecht dürfen die Soldaten eine eroberte Stadt drei Tage lang plündern. Doch sie morden, vergewaltigen und spießen kleine Kinder in ihrem Blutrausch auf. Und Tilly lässt es geschehen.
Die ärmsten Menschen trifft es wie so oft im Krieg am härtesten. Einige reiche Bürger und deren Familien können sich bei den Soldaten freikaufen und die Stadt verlassen, ehe durch Brandstiftung und starke Winde Magdeburg fast vollständig zerstört wird. Von den ursprünglich 35.000 Einwohnern kommen etwa 25.000 ums Leben, und nur rund 450 bleiben in den qualmenden Ruinen an der Elbe zurück. Es wird 200 Jahre dauern, ehe die Stadt wieder die Einwohnerzahl von 1631 erreichen kann.
Für viele Historiker ist diese „Magdeburger Bluthochzeit“ bis heute ein Kriegsverbrechen, für Tilly ist sie damals ein Eigentor. Denn die Feuer vernichten auch die Vorräte und Waffen. Tillys Armee hungert und wird stark geschwächt wenige Monate später in Breitenfeld bei Leipzig von Gustav Adolf besiegt. Auch die Schweden waren keine Engel. Ihr berühmter „Schwedentrunk“ war eine grausame Foltermethode, deren Einzelheiten an dieser Stelle nicht dargelegt werden müssen.
Der Schwedenkönig verfolgt Tilly und stellt ihn am 15. April 1632 ein zweites Mal bei Rain am Lech. Dabei wird Tilly schwer am Oberschenkel verletzt und stirbt an den Folgen am 30. April im Alter von 73 Jahren.
Albrecht Wenzel Eusebius von Wallenstein übernimmt die katholisch-kaiserliche Armee, die im November bei Lützen nur ein fragwürdiges Unentschieden gegen die Schweden erreicht, obwohl auch Gustav II. Adolf in dieser Schlacht fällt.
Doch das Töten, Morden und Verwüsten weiter deutscher Landstriche geht noch bis zum Westfälischen Frieden 1648 in Münster und Osnabrück weiter. Etwa acht Millionen Menschen kostet dieser 30-jährige Wahnsinn das Leben.
Zeigt der bis zum Schluss gläubige Katholik Johann T’Serclaes von Tilly am Ende doch so etwas wie Reue über die Geschehnisse 1631 in Magdeburg? Zitate von ihm gibt es nur wenige, und dieses eine, das passen würde, ist nicht ganz eindeutig: „Ich hab ja mein bestes gethan. doch könt ich Gott nicht widerstahn“, wird zumindest als Resignation interpretiert.
Eine Messe für den Feldherrn
Übrigens: Im bayerischen Altötting wurde noch bis in den Januar 2009 jeden Tag um sieben Uhr morgens eine Messe für Tilly gelesen. Dann hat sie der Passauer Bischof Wilhelm Schraml eingestellt. Die Begründung war sehr diesseitig: Die von Tilly einst gespendeten 6.300 Gulden seien nach fast 380 Jahren nun aufgebraucht, erklärte der Bischof. Diese Summe Geld aus dem 17. Jahrhundert hätte heute eine geschätzte Kaufkraft von über 600.000 Euro.
Das Bild von P. Meulener zeigt die Situation beim Sturm auf die Südfront Magdeburgs am 10. Mai 1631 mit dem Dom, das Sudenburger Tor (steinerne Brücke gabs nicht, sondern Holzbrücke), St. Sebastian und links Bastion Heydeck, durch Truppen des General Wolf von Mansfeld.
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