Einleitung Diese Dokumentation ist eine Gemeinschaftsarbeit der Fachgruppe Militär- und Garnisonsgeschichte Magdeburg im KHV Magdeburg e.V.
Der militärische Einsatz von Flugzeugen während des ersten Weltkrieges und die danach einsetzende stürmische technische Weiterentwicklung der fliegenden Maschinen löste vor allem in den europäischen Industrieländern Überlegungen aus, wie in künftigen Kriegen das Hinterland und die Zivilbevölkerung vor bombentragenden gegnerischen Flugzeugen geschützt werden könnten. Derartige Vorstellungen schlugen sich in Denkschriften und Konzeptionen, letztlich in gesetzlichen Bestimmungen über den Luftschutz nieder, Es entstanden territoriale und kommunale Organisationen und Vereinigungen, die sich dieser Frage widmeten. So wurde am 1 November 1932 in Magdeburg eine Ortsgruppe des Deutschen Luftschutzverbandes e.V. Berlin gegründet.' Im selben Jahr fand hier - wie auch in anderen deutschen Städten - eine Luftschutzübung statt. Der mit der Errichtung der NS-Diktatur vom ersten Tage an eingeschlagene Weg zur Aufrüstung und Kriegsvorbereitung beschleunigte derartige Initiativen. Bereits am 29. April 1933 erließ der Reichsminister für Luftfahrt Göring den Aufruf „Luftschutz tut not!", in dem er um jede Zersplitterung der Arbeit zu vermeiden, die Gründung des Reichsluftschutzbundes, der seinem Ministerium unterstellt war, bekannt gab. Alle „vaterlandliebenden Männer und Frauen" wurden angesichts der starken Fliegerkräfte der Westmächte, die angeblich mit „Tausenden von Kriegsflugzeugen Deutschland bedrohen", aufgefordert, dem Reichsluftschutzbund beizutreten bzw. aktiv zu unterstützen. Weiter hieß es: „Der Luftschutz ist daher zu einer Lebensfrage für unser Volk geworden. Er verlangt einen jahrelangen zielbewussten Aufbau unter fachmännischer Leitung und straffer Führung." Die neu geschaffene Luftschutzorganisation war territorial und kommunal gegliedert. Magdeburg gehörte zur Landesgruppe „Provinz Sachsen und Anhalt e.V."' Mitglieder des Reichsluftschutzbundes konnten Personen, Institutionen und Unternehmen werden. Die in den ersten Jahren wiederholt durchgeführten Werbekampagnen für den Beitritt in den Reichsluftschutzbund sind Indiz, dass trotz aller propagandistischen Bemühungen der Luftschutz von vielen Bürgern noch nicht so ernst genommen wurde. Beim Luftschutz unterschied man zwischen dem zivilen Luftschutz (Selbstschutz) und Werkluftschutz. Dabei bildete der Werkluftschutz den Schwerpunkt. Seit der NS-Machtübernahme wurde dessen personeller Aufbau vorangetrieben. Zu ihnen zählten der Wachdienst, Sanitäter, Beobachter, Nachrichtenüberrnittler, Brandwachen, Gasspürer, Entgifter und die Betriebsfeuerwehr Bereits 1933 gab es für die einzelnen Gruppierungen die ersten Ausbildungskurse, deren Zahl von Jahr zu Jahr anstieg. So mussten beispielsweise 1937 aus Magdeburger Unternehmen 1989 Werkluftschutzangehörige Lehrgänge besuchen. Die erste großangelegte Luftschutzübung fand in Magdeburg an drei Tagen Ende September 1934 statt. Im Rahmen einer für ganz Mitteldeutschland geplanten Aktion sollte der Stand des luftschutzgemäßen Verhaltens der Bevölkerung - das der Reichsluftschutzbund den Menschen anzuerziehen hatte - überprüft werden. In der Presse hieß es: „Die bevorstehende Verdunkelungsübung ist für jeden Magdeburger Einwohner eine Generalprobe für den Ernstfall." Am 7 September 1934 hatte beim örtlichen Luftschutzleiter, dem Polizeipräsidenten, eine vorbereitende Besprechung stattgefunden, deren Festlegungen den Werkluftschutzleitern und den für den Luftschutz in den einzelnen Wohnvierteln Verantwortlichen erläutert wurden. Vor allem musste die Disziplin beim abendlichen Abdunkeln der Fenster und aller Lichtquellen überprüft werden. Sehr wichtig war, das gerade im Aufbau befindliche Warnsystem, das Auslösen der Luftwarnung mittels Sirenen - die auf den Dächern der öffentlichen Gebäude und der Wohnhäuser montiert wurden - an die Menschen heranzubringen. So erläuterte der Verantwortliche der Magdeburger Luftschutzwarnzentrale die unterschiedliche Bedeutung der Sirenentöne (Vorwarnung = Luftgefahr; Hauptwarnung = Fliegeralarm; Entwarnung = Ende der Luftgefahr). Die Luftschutz- und Verdunkelungsübungen wurden in den folgenden Jahren intensiviert. So mussten auf Anordnung des Luftkreiskommandos II - das damals auch für Magdeburg zuständig war - am 17./18, und 28.729. November 1935 Selbstschutz- und Werkluftschutzübungen durchgeführt werden. Die Großunternehmen waren angehalten, ihre bisherigen Vorkehrungen unter den Bedingungen eines vermeintlichen Bombenangriffs feindlicher Flieger zu überprüfen. In der Lokalpresse konnte man lesen, dass es nach dem Auslösen des Fliegeralarms 50 Minuten lang einen rollenden Luftangriff (einzelner Flugzeuge M.W.) auf das Kruppwerk gegeben hätte. Der phantasiebegabte Berichterstatter nahm hier schon zum Teil vorweg, was Jahre später weitaus schlimmer grausame Wirklichkeit werden sollte. Wir lesen: „Schon wieder schlagen Brandbomben ein, und es gelangt nur eine verstümmelte Meldung zur Werkluftschutzleitung. Der Angriff erreicht jetzt seinen Höhepunkt. Dauernd neue Bombeneinschläge ..." Aufgrund des damaligen Wissens über Luftkriegsbedrohungen glaubte man an Angriffe durch Einzelmaschinen oder Verbände mit höchstens 10 bis 12 Flugzeugen, die nur eine geringe Bombenlast - meist Brandbomben - tragen konnten. So ging eine Luftschutzübung in der Maschinenfabrik Buckau R. Wolf von der Simulation aus, zehn feindliche Flugzeuge, die von den Hochbeobachtern des Werkluftschutzes rechtzeitig geortet worden seien, hätten den Betrieb zwar getroffen, ohne jedoch nennenswerte Zerstörungen anzurichten. Daher wurde nach Abschluss der Übung der zuständigen Polizeibehörde gemeldet: „Können Schäden selbst bekämpfen, Hilfeleistung nicht erforderlich." Trotz der vom Reichsluftschutzbund in den Medien betriebenen breiten Öffentlichkeitsarbeit und trotz der fortwährenden Luftschutzübungen - in immer kürzeren Abständen fanden Luftschutztage statt - ließen mit der Zeit das Interesse und die Bereitschaft sowohl der beteiligten Akteure als auch der Bürger spürbar nach. Beispielsweise musste der Polizeipräsident über eine am 14. September 1937 im „Luftschutzort Magdeburg" durchgeführte Alarmierungsübung berichten, es sei insgesamt nicht gelungen, ein „luftschutzgemäßes Verhalten" auszulösen. Die vom 20. bis 26. September 1937 veranstaltete Luftschutz- und Verdunkelungsübung, in die alle Einrichtungen des öffentlichen und privaten Lebens einbezogen waren, brachte ein ähnliches Ergebnis." Inspektionen ergaben zudem Mängel bei der Durchsetzung von Luftschutzmaßnahmen in den Wohngebieten, Behörden und Unternehmen. Nicht selten bestanden Werkluftschutztrupps nur auf dem Papier So wurde im Großbetrieb Krupp-Gruson nach der Tagesschicht kein Luftschutzdienst eingesetzt, „weil nur sehr wenige Leute nachts arbeiteten" In der Maschinenfabrik Buckau R. Wolf hatte man den Bereitschaftsdienst des Selbstschutzes den Stenotypistinnen und anderen weiblichen Angestellten übertragen. Andererseits wurden immer öfter kritische Stimmen laut. Unternehmensleitungen führten Beschwerde, die bei Verdunkelungsübungen verfügte eingeschränkte Beleuchtung auf dem Betriebsgelände und in den Werkhallen würde eine spürbare Produktionsminderung zur Folge haben.
Der vom NS-Regime 1938/39 eingeschlagene Kriegskurs löste strukturelle und organisatorische Veränderungen der Heimatluftverteidigung und des Luftschutzes aus. Nachdem Magdeburg in den zurückliegenden Jahren verschiedenen Luftkreis ¬bzw. Luftgaukommandos unterstellt gewesen war, gab es am 10. November 1938 eine grundsätzliche Neuregelung. Die Elbestadt und die Landkreise Jerichow 1 und Jerichow 2 sowie der Stadtkreis Burg schieden aus dem Luftgaukommando XI (Sitz Hannover) aus und wurden dem Luftgaukommando III (Sitz Berlin) eingegliedert. Zum Luftschutzgesetz erlassene Ausführungs¬bestimmungen zielten auf eine Aktivierung des gesamten zivilen Luftschutzes. Entsprechend einer Verfügung des Oberbürgermeisters vom 30. Juni 1938 wurden die zivilen Luftschutzaufgaben dem Büro für Wehrmachtsangelegenheiten übertragen. Danach waren die Luftschutzpläne in den öffentlichen Gebäuden zu überprüfen, auf den Böden Sandkästen, Wasserbehälter, Schippen, Eimer und Äxte bereitzustellen. In einem Bericht der Stadt hieß es, alle Anstrengungen wären darauf gerichtet, kurzfristig in hierfür geeigneten Keller¬räumen der städtischen Dienst- und Verwaltungsge¬bäude, der kommunalen Unternehmen und Schulen vorschriftsmäßige Luftschutzräume einzurichten. Dazu kämen Luftschutzrettungsstellen und öffentliche Luftschutzräume im gesamten Stadtgebiet.16 In der Stadtbibliothek konnten die Bürger die Ausstellung „Luftwaffe-Kampfstoffe-Luftschutz" besuchen. Es begann die Ausgabe von Gasmasken an die Bevölkerung. Wie unpopulär diese Aktion bei vielen Menschen war, belegt die wiederholte Aufforderung der Behörden, die Gasmasken abzuholen. Seit Frühjahr 1939 trat die unmittelbare Kriegsvorbereitung in die entscheidende Phase. Wie der „Magdeburger Generalanzeiger" schrieb, wurde mit den Fliegeralarmübungen die „Stunde X am Tage X" geprobt. So hatte die letzte Märzwoche im Regierungsbezirk Magdeburg dazu gedient, das Verdunkeln der Fenster, Türen und anderer Lichtquellen zu üben. Am 11 August rief die Presse dazu auf, sich von heute an „luftschutzgemäß zu verhalten" Zwei Tage später lautete die Zeitungsüberschrift: „Ganz Magdeburg im Luftschutzraum." Ende des Monats erfolgte die Ausgabe von Bezugscheinen für wichtige Gebrauchsgüter. Der Krieg stand unmittelbar bevor. Immer mehr Menschen beschlich ein Unbehagen. Viele dachten zurück an die Blutopfer, Entbehrungen und Leiden der Jahre von 1914 bis 1918. Die in der ersten Phase des zweiten Weltkrieges errungenen Blitzsiege - gebührend propagandistisch herausgestellt - ließen jedoch derartige Befürchtungen bald verstummen. Der 1940 innerhalb weniger Wochen erreichte militärische Triumpf über den Angstgegner des ersten Weltkrieges - Frankreich - und die Flucht des britischen Expeditionskorps über den Kanal erweckten den Eindruck, dass der Gesamtsieg unmittelbar bevorstünde. All das hatte Auswirkungen auf den Luftschutz. Das auf diesem Gebiet seit 1933 Beschlossene und Eingeleitete wurde als vorbeugend und wohldurchdacht anerkannt, schien jedoch durch den Kriegsverlauf nun völlig überflüssig zu sein. Die Prophezeihung des Reichsministers für Luftfahrt und Oberbefehlshabers der Luftwaffe Göring, er würde seinen Namen ändern, wenn auch nur ein feindliches Flugzeug ungestraft in das Reichsgebiet einflöge, fand angesichts der vermeintlichen Stärke der deutschen Luftwaffe und der Flugabwehr Glauben. Vor allem die Menschen in der Mitte und im Osten Deutschlands - und damit auch die Magdeburger - wähnten sich völlig in Sicherheit. Seit Sommer des Jahres 1940 versuchte die Wehrmacht den letzten Kriegsgegner, Großbritannien, in die Knie zu zwingen. Über dem Kanal und Südengland kam es zur sogenannten „Luftschlacht" Die deutsche Luftwaffe flog täglich Angriffe auf London, andere englische Städte und Industrieanlagen. Sie brachten Tod und Verderben über die Zivilbevölkerung. Die NS-Presse jubelte. In Balkenüberschriften auf den ersten Seiten war im Juli/August in der „Magdeburgischen Zeitung" und in „Der Mitteldeutsche" zu lesen: „Stuka-Angriffe sind die Hölle" - „Sechs Stunden Luftalarm in London" -„Londons Nachthimmel durch Brände erleuchtet!" -„England zittert unter deutschen Bomben" Massenabschüsse britischer Flugzeuge wurden gemeldet, mit hohen Auszeichnungen dekorierte deutsche Fliegerpiloten als Helden gefeiert. Die Bevölkerung musste den Eindruck gewinnen, die gegnerische Luftwaffe sei weitestgehend zerschlagen und das Königreich würde in Kürze um Frieden bitten. Gar nicht in das Bild der Erfolgsmeldungen und der Siegeseuphorie dieser Tage passte das Vordringen einzelner bzw. kleinerer Gruppen britischer Flugzeuge in das Reichsgebiet. Eine am 6. Juni 1940 in den Junkers-Werken Magdeburg durchgeführte Beratung informierte die für den Luftschutz Verantwortlichen über erste Erkenntnisse beim Einfliegen und beim Bombenabwurf britischer Maschinen. Die Teilnehmer erfuhren, dass unlängst gegnerische Flugzeuge nachts in der Nähe von Stendal und Gardelegen ausgemacht worden seien, die die Absicht gehabt hätten, einen Zielangriff auf eine mitteldeutsche Stadt (Magdeburg ?) zu führen, jedoch habe ein starker Rückenwind dies verhindert. An alle Anwesenden wurde appelliert, die Menschen zum Aufsuchen der Luftschutzräume zu erziehen, da jedes andere Verhalten tödliche Folgen haben könnte Auf Anordnung des Luftverteidigungs-Kommandos l mussten ab sofort in öffentlichen Gebäuden und in Betrieben ständig Feuerschutz-und Brandwachen sowie Sanitätskräfte einsatzbereit sein. Ein städtischer Bericht stellte nach den ersten über Magdeburg abgeworfenen Bomben ernüchternd fest, „dass bei Beginn des uns aufgezwungenen Freiheitskampfes mit dem .Aufruf des zivilen Luftschutzes am Morgen des 1 September 1940 in allen stadteigenen Gebäuden in wenigen Stunden die Luftschutzkräfte einsatzbereit zur Abwehr feindlicher Flieger bereitstanden. Alle Gefolgschaftsmitglieder der Stadt wurden mit der Volksgasmaske (VM 37} ausgerüstet, Tag und Nacht bezogen unermüdlich in den zum erweiterten Selbstschutz und Werkluftschutz gehörenden Gebäuden die Luftschutz-Einsatzkräfte ihre Posten. ... die zusätzlich geforderten Luftschutzdienstleistungen (wurden) von allen Beteiligten in vorbildlicher Einsatzbereitschaft übernommen". Trotz derartig abgefasster, Zweckoptimismus ausstrahlender Papiere war den Verantwortlichen bewusst, dass niemand den nächtlichen Einflug britischer Flugzeuge mehr unterbinden konnte. Die Fliegeralarme nahmen zu. Im Sommer 1941 endete die erste Etappe der Luftangriffe auf Magdeburg. Die städtischen Behörden versuchten Glauben zu machen, dass man der gegnerischen Herausforderung erfolgreich begegnet sei. Besonders wurden die Brandbekämpfung auf dem Schlacht- und Viehhof, in der Schule an der Harzburger Straße, in der Grünearmstraße und der Großen Steinernetischstraße hervorgehoben. Zunächst legte sich jedoch über die Stadt eine trügerische Ruhe, Als ab Sommer 1941 weitere Luftangriffe ausblieben, der Krieg an weit entfernten Fronten tobte, nahm bei den Menschen bald das normale Alltagsleben wieder seinen Lauf. Das luftschutzgemäße Verhalten trat in den Hintergrund. Im Juli 1940 hatte ein Artikel im „Völkischer Beobachter" die Diskussion weiter angeheizt. Seit 23. August waren wichtige Betriebe der Rüstungswirtschaft - um einen weitgehend ungestörten Produktionsablauf zu sichern - aus der allgemeinen Alarmierung beim Einflug gegnerischer Flugzeuge herausgenommen worden. Am 3. September 1940 schrieb der Chef des Generalkommandos XI (Hannover) an Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar Jordan, die nächtlichen Feindalarme würden allmählich die „Arbeitsleistung, Gesundheit und Stimmung der Heimatfront" untergraben. Er schlug vor, dass die Bevölkerung bei Luftalarm - mit Ausnahme gefährdeter und bedrohter Orte - in den Wohnungen bleiben dürfe." Dieser Meinung schloss sich die Luftschutzpolizei des Territoriums im Wesentlichen an, in dem sie in Aussicht stellte, das flache Land generell vom Fliegeralarm auszuklammern und den Bewohnern der größeren Städte und besonders luftgefährdeter Orte zu gestatten, erst bei „Flakbeschuß" die Schutzräume aufzusuchen. Der¬artig geäußerte Haltungen standen im Widerspruch zu den gesetzlichen Bestimmungen über den zivilen Luftschutz. Zu Recht wies der Präsident des Regie¬rungsbezirkes Magdeburg, von Bonin, darauf hin, dass es keine Behörde verantworten könne, die Men¬schen aufzufordern, bei Alarm nicht die Luftschutz¬räume aufzusuchen. Auch hätten die ersten Erfah¬rungen des Angriffs auf Magdeburg ergeben, bei starkem Flakfeuer würden durch herabfallende Granatsplitter Menschen auf der Straße verletzt. Nach Konsultationen in Berlin wies Reichsverteidi¬gungskommissar Jordan die Vorschläge des Gene¬ralkommandos XI zurück. Am 22. Oktober 1940 erging für das gesamte Reichsgebiet die Weisung, generell - mindestens zehn Minuten vor dem wahrscheinlichen Eintreffen gegnerischer Flugzeuge- am Ort zu alarmieren. Unmittelbar nach dem Kölner Inferno 1942 forderte Reichsinnenminister Frick mit Runderlass vom 3. Juni die Reichsverteidigungskommissare auf, aus den letzten Bombardements Schlussfolgerungen für die Verbesserung des Luftschutzes zu ziehen. Mit Schreiben vom 18. August 1942 wies der Reichsverteidigungskommissar für den Wehrkreis XI, Gauleiter Jordan, den Oberpräsidenten der Provinz Sachsen an, ausgehend von den oben genannten Erfahrungsberichten konkrete Festlegungen für die Verbesserung des Luftschutzes zu treffen. Der Regierungspräsident Magdeburg beauftragte den Oberbürgermeister der Elbestadt, Dr. Markmann, eine entsprechende Studie zu erarbeiten. Das bisher nicht auffindbare Papier wurde auf einer Beratung mit den Oberbürgermeistern und Landräten ausgewertet und an die übergeordneten Behörden weitergeleitet. Die seit Anfang des Jahres 1943 zunehmende Angriffstätigkeit der westalliierten Bomberflotten sowie deren sich ständig erweiternder Aktionsradius ließ die Gefahr für die bisher weitgehend verschont gebliebenen Regionen und Großstädte immer größer werden. Eine zunehmende Nervosität erfasste auch die NS-Spitze und die staatlichen Behörden im Gau Magdeburg-Anhalt. Gauleiter Jordan lud die Oberbürgermeister, Landräte und Polizeileiter zu „einer zwanglosen Aussprache" über Fragen des Luftschutzes zum 29. Juni 1943 ein. In dem einleitenden Referat erklärte Jordan, „dass auch im mitteldeutschen Raum mit Angriffen größeren Umfangs gerechnet werden muss. Jordan legte dar, aufgrund der in West- und Norddeutschland ge¬machten Erfahrungen ließen sowohl die Anzahl der angreifenden Flugzeuge als auch die Qualität der Bomben ein größeres Schadensausmaß als bisher angenommen erwarten. Deshalb müssten die vorbereitenden Luftschutzmaßnahmen überprüft und „auf das 10fache, ja sogar das 20fache erweitert werden". So sollten die Sand- und Wasservorräte (weiterer Bau von Löschteichen) vergrößert, der Bau von Kellerausstiegen, Kellerdeckenversteifungen und Mauerdurchbrüchen zwischen den Kellern der einzelnen Häuser intensiviert sowie bei Angriffen die Gasversorgung unterbrochen werden. Mit Unterstützung von Wehrmachtseinheiten waren innerhalb von sechs Wochen Deckungs- und Splittergräben anzulegen sowie das Netz der Rettungsstellen auszubauen und besser auszustatten. Bei Großangriffen auf Städte mussten alle überörtlichen Feuerlöschkräfte in Bereitschaft stehen, um auf Anforderung sofort eingesetzt werden zu können. Der während und nach einem Bombardement organisierte Melder und Kurierdienst der Hitlerjugend sollte durch Jungen über 14 Jahre verstärkt werden. Das von der britischen und amerikanischen Luftwaffe Ende Juli/Anfang August 1943 koordiniert durchgeführte einwöchige Bombardement Hamburgs (Operation Gomorrha) mit dem Ausbrennen der Innenstadt und über 30.000 Toten erhöhte die Bestürzung und Sorge der Menschen in dem bis dahin weitestgehend verschont gebliebenen Mitteldeutschland. Nun wurden auch Ausquartierungen von Schulkindern organisiert. Aus der Elbestadt sollten ungefähr 76.000 Personen, und zwar 40.000 Frauen mit Kindern in die Auffangquartiere des Gaues bzw. zu Verwandten, 10.000 Schulkinder (Klassenverschickung mit Unterbringung in Privatquartieren) und 26.000 Berufstätige (weitere Beschäftigung in der Industrie Magdeburgs, aber Verlegung des Wohnraumes aus dem Stadtgebiet in die umliegenden Dörfer) evakuiert werden. Trotz aller Befürchtungen war Magdeburg bis Anfang 1944 fast zweieinhalb Jahre nicht von westalliierten Flugzeugen angegriffen worden. Das verwunderte bei der wirtschaftlichen Bedeutung und der zentralen verkehrsgeographischen Lage der Stadt im mitteldeutschen Raum. Dazu kam, dass mit dem Kriegsverlauf der Stellenwert der Magdeburger Großindustrie für die deutsche Rüstungsproduktion ständig gestiegen war. Das Krupp-Gruson-Werk, der Konzern Buckau R. Wolf, das Armaturengroßunternehmen Schäffer & Budenberg, der Polte-Konzern, die Louis Strube AG, die Magdeburger Werkzeugmaschinenfabrik und die Junkers Flugzeug- und Motorenwerke arbeiteten fast ausschließlich für die Rüstung. Das traf auch für die in den dreißiger Jahren gebaute Zinkhütte Giesche's Erben AG und den Großbetrieb für synthetische Treibstoffherstellung Brabag im Industriegelände zu. Der Werkluftschutz der dem Rüstungsamt des Reichsministers für Rüstung und Kriegsproduktion Speer unterstehenden Betriebe wurde von der Bezirksstelle Magdeburg der Reichsgruppe Industrie geleitet. Während des Krieges ergingen laufend Weisungen, die Abwehr-und Sicherungsmaßnahmen - Werkflak, erweiterter Werkiuftschutz, Löschteiche, Bunker, Hochbeobachtungsposten, Meldedienst - zu erweitern und zu verbessern. Jedoch reichten die den Betriebsangehörigen bei Fliegeralarm zur Verfügung stehenden Luftschutzräume bei weitem nicht aus. So fehlten allein im Teilwerk Salbke des Konzerns Buckau R. Wolf für 1.695 „Gefolgschaftsmitglieder" bei einer deutschen Belegschaftsstärke von 3.795 Personen Schutzräume, ganz zu schweigen von den 900 sowjetischen und 200 französischen Kriegsgefangenen als Zwangsarbeiter.
Obwohl der bis Ende 1943 geführte Bombenkrieg gezeigt hatte, dass es keinen wirksamen Schutz für die deutschen Städte und ihre Bewohner gab, soll im Folgenden dargelegt werden, wie Magdeburg auf einen drohenden Großangriff vorbereitet war In die Kategorie der „Luftschutzorte l. Ordnung" {beson¬ders gefährdet) eingestuft, stand die Stadt bei den im Territorium angewiesenen Luftabwehr- und Luftschutzmaßnahmen zusammen mit Dessau an erster Stelle. Auf der Grundlage gesetzlicher Bestimmungen der Reichsregierung wurden seit 1939 verstärkt Luftschutzräume in den Kellern der bestehenden Gebäude (Deckenversteifungen, Stahlblechtüren, Stahlblechläden vor Kellerfenstern) und Rettungsstellen eingerichtet sowie öffentliche Luftschutzräume (für jeden Bürger zugänglich) angelegt. All diese Maßnahmen erfuhren seit dem Kriegsausbruch eine weitere Förderung. Bis Anfang 1941 waren, um ein unterirdisches Verbindungs- ¬und Fluchtnetz zu schaffen, 6.000 Brandmauerdurchbrüche geschaffen und 1.000 weitere von der Baupolizei angezeichnet worden. Es gab 120 öffentliche Luftschutzräume. Als am 10. Oktober 1940 Hitler ein Sofortprogramm für weitere Luftschutzbauten anordnete, gehörte Magdeburg zu den Orten, in denen nun „bombensichere Bunker" zu errichten waren.
In der ersten Etappe des sogenannten Bunkerbauprogrammes (Ende 1940 bis Mitte 1941) entstanden in der Elbestadt zehn Bunker.
Auf der Beratung der Stadtverwaltung am 31. Juli 1941, wo man über den Beginn des zweiten Abschnittes des Bunkerbauprogramms Beschlüsse fassen wollte - so waren vier mehrgeschossige Hochbunker mit je 1.000 Liegeplätzen geplant - musste Stadtbaurat Götsch informieren, dass keine weiteren Bunker gebaut würden und die Arbeitskräf¬te - in erster Linie Kriegsgefangene - bei der Anlage von Splittergräben einzusetzen seien. Mit insgesamt 13 Bunkern (in diese Zahl waren die bombensicheren Operationsbunker in den Krankenhäusern Sudenburg und Altstadt sowie in der Landesfrauenklinik einbezogen), die nicht einmal zwei Prozent der Wohnbevölkerung aufnehmen konnten - am 31 März 1941 hatte die Stadt 346.030 Einwohner - gehörte Magdeburg zu den am schlechtesten mit bombensicheren Schutzräumen bedachten Großstädten. Diese letzteren Angaben können jedoch für die Zeit ab 1941 ergänzt werden:
11. Nikolaiplatz Nordseite 450 Liegeplätze
12. Hauptbahnhof ?
( Weiteres wird im Zuge dieser Dokumentation dargestellt. Der Werkluftschutz mit seinen Luftschutzbunkern wird gesondert als Teil 2 bearbeitet.)
Jeder Hausbesitzer war angehalten, einen behelfsmäßigen Luftschutzraum einzurichten. Alle Öffnungen dieses Raumes mussten gas- und splittersicher abgedichtet sein. Eine Notbeleuchtung war zu installieren. In diesem Zusammenhang gab die Magdeburgische Zeitung bekannt, wie sich die Bevölkerung bei Fliegeralarm zu verhalten hat: * Ruhe bewahren, * ständig in Bereitschaft sein, * Luftschutzraumgepäck vorher bereitlegen, * Fenster und Türen offen lassen, * Brände schon im Entstehen löschen.
1941 wurden die Luftschutzkeller, vor allem in Häusern mit kinderreichen Familien, mit Bettgestellen ausgestattet. Dazu gab es mit Holzwolle ausgestopfte Säcke.
Die Leitung des kommunalen Luftschutzes lag in den Händen der Polizei. Dem Polizeipräsidenten war die Aufgabe des örtlichen Luftschutzleiters übertragen worden. Seiner Behörde unterstanden das Luftschutz-Abschnittskommando Nord (Befehlsstelle im Bunker des Nordparks) mit fünf Revieren sowie Rothensee und das Luftschutz-Abschnittskommando Süd (Befehlsstelle im Polizei¬präsidium) mit fünf Revieren. Die Luftschutzpolizei übte die Aufsicht über die Organisation des Luftschutzes in den Wohngebieten (Revieren) aus und leitete dort die Luftschutzverantwortlichen an. Das waren der Luftschutz-Blockwart, dem ein Straßenzug oder ein Wohnviertel (Revier) unterstand, und der Luftschutzhauswart. Den letzteren oblag in ihrer Eigenschaft als Hilfspolizisten „die absolute Befehlsgewalt über die Angehörigen der von ihnen betreuten Hausgemeinschaften". Immer größeres Augenmerk fand die luftschutz¬gemäße Sicherung der öffentlichen Gebäude, Schulen und Krankenhäuser. Aufgrund der erhöhten Luftgefahr musste der Bereitschaftsdienst personell verstärkt und auf rund um die Uhr ausgedehnt werden. Am 4. Juli 1942 erging die Weisung, alle in den betroffenen Institutionen arbeitenden weiblichen und männlichen Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren sowie Frauen mit Kindern unter 14 Jahren in den Bereitschaftsdienst einzubeziehen. Am 27 April 1944 erweiterte Oberbürgermeister Markmann den Luftschutzwachdienst auf sämtliche Gefolgschaftsmitglieder zwischen dem 15. und 70. Lebensjahr. In den Schulen mussten Lehrerinnen und Lehrer, unterstützt von den Schülern der höheren Klassen, diese Aufgabe übernehmen. Mit der Eskalation des Bombenkrieges schaltete sich die NSDAP immer mehr in den Luftschutz ein. Ende 1942 war das Wirkungsfeld der Reichsverteidigungskommissare von den Wehrkreisen gelöst und auf die Gaue eingegrenzt worden. Nun konnte sich der ranghöchste Nazi im Territorium, Reichsverteidigungskommissar und Gauleiter Jordan bisher verantwortlich für den Wehrkreis XI mit Sitz in Hannover - voll auf die Leitung des Luftschutzes (Zentrale in Dessau) in seinem Gaugebiet konzentrieren. Gemäß höherer Weisung förderte er die Bestrebungen der Kreis-und Ortsgruppenleiter der NSDP, sich in die Befugnisse der für den Luftschutz Verantwortlichen einzumischen. Damit vergrößerte sich das bereits bestehende Kompetenzgerangel der NS-Bürokratie in Luftschutzfragen. Im August 1943 wies Jordan an, Einsatzbereitschaften der NSDAP für den Luftschutz zu organisieren. Eine wichtige Aufgabe bei zu befürchtenden Großbombardements hatte die Feuerwehr Es gab fünf Feuerwehrbereitschaften, dazu die Werks- und Freiwilligen Feuerwehren (Prester). Die Stadt war feuerwehrmäßig in zwei Abschnitte mit je zwei Löschkreisen eingeteilt.
Abschnitt l Löschkreis 1 Altstadt, westliche und östliche Vororte Löschkreis 2 Alte und Neue Neustadt
Im Luftschutzort Magdeburg hatte man 17 unterirdische Wasserbassins und 10 Feuerlöschteiche angelegt - dabei sind die in den Unternehmen nicht mit erfasst, die Ende 1942 in das Eigentum der Stadt übergingen. Vier Löschteiche wurden als Badeanstalten genutzt. Um den immer spürbarer werdenden Personalmangel mildern zu können - viele Feuerwehrmänner waren zur Wehrmacht eingezogen worden - wurden seit 1943 Frauen zwischen dem 17 und 40. Lebensjahr den Löschbereitschaften der Feuerwehr zugeordnet. Außerdem bestand eine Jugendfeuerwehr der Hitlerjugend mit vier Löschzügen. Die städtische Luftschutzleitung verfügte über drei Instandsetzungsbereitschaften, zwei Sanitätsbereitschaffen, zehn Rettungsstellen und einen Entgiftungszug. Einschließlich der Feuerwehr belief sich der Personalbestand auf 1.600 Personen, darunter ausländische Arbeitskräfte (Hilfswillige Fremdarbeiter).
1944 schätzte Oberbürgermeister Fritz Markmann ein, dass das Bunkerbauprogramm in Magdeburg nur zu 40 Prozent erfüllt wurde, weil Arbeitskräfte und Material zugunsten von Nord- und Westdeutschland abgezogen worden waren. Markmann bat die Ratsherren darum, die Bevölkerung bei Aufkommen von Gerüchten über den unzureichenden Bau von Bunkern über die Sachlage aufzuklären.
(Quelle: „Da färbte sich der Himmel Blutrot“, Ausstellungskatalog 1995, Kulurhistorisches Museum Magdeburg zusammensassender Auszug)
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Das Dach war zwecks der Tarnung beziegelt. Die Decke bestand aus Eisenbeton ( Handelsrundstahl ) und war 1,40m stark. Zusätzlich wurden für den Schutz durch heraussprengen von Betonkegeln durch Fliegerbomben, Baustahlgewebe eingelegt. Materialverbrauch für die Hauptbauphase : Eisen : 141,5t Kleineisen : 8t Beton : 440t Ungefähre Kosten des Projekts : 608.000 Reichsmark (RM)
LS-Bunker Nicoleiplatz : Baujahr : 1943 Beauftragte Baufirma : Häntzsche und Klingelhöfe Baudaten : Es gab zwei Komplexe, Nordseite und Südseite
Hier mal ein Bild von dem Elbbunker, aufgenommen ungefähr 1960, im Hintergrund die Kirche St. Johannis. Der Abbruch war damals schon weit vorangeschritten...
[ Editiert von MilitariaMD am 10.07.12 13:03 ]
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