#1 Neustadt während der französischen Besatzungszeit von MAGADO-2 13.04.2014 17:12

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Von der Alten zur Neuen Neustadt. Ein Beitrag für die Magdeburger Volksstimme

Ein historischer Exkurs zum 200. Jahrestag der Befreiung Neustadts von der französischen Fremdherrschaft,
Teil 1

Helmut Menzel

Die Neustadt war keine Vorstadt Magdeburgs. Sie war hingegen freie erzbischöfliche Landstadt mit eigenem Magistrat, Markt und Gerichtsbarkeit. Das betraf auch Sudenburg. Der Erzbischof bzw das Domkapitel war die oberste Instanz bei vielen Entscheidungen.
Neustadt ging einst aus dem Dorfe Frose nördlich Magdeburgs hervor und aus der nördlichen Erweiterung Magdeburgs im 10. bis 12. Jahrhundert. Die beginnende Naustadt als nova civitas ging bald eine Fusion mit Frose ein.
Eine erste eigene Stadtmauer Neustadts wird bereits für das Jahr 1230 erwähnt. Aber diese Mauern konnten Zerstörungen nicht fernhalten, so 1213, 1550/51, 1627, 1630/31 und 1812/13. Der starke wirtschaftliche Faktor dieser Landstadt und nicht zuletzt die Zuwanderung französischer und pfälzischer Hugenotten als Gewerbetreibende, in ihrer Heimat vertrieben, vom Kurfürst von Brandenburg aufgenommen, gefördert und privilegiert, führten zum erneuten Aufblühen nach dem Dreißigjährigen Krieg.
Im 18. Jahrhundert war die Einwohnerzahl von 1500 auf 6000 gestiegen. Darunter befanden sich aber auch 400 einquartierte Soldaten der Magdeburger Garnison. Ackerbürger mussten sie in ihren Häusern aufnehmen und beköstigen. Um 1750 zählte Neustadt mit allen öffentlichen Gebäuden knapp 720 Feuerstellen (Häuser/Wohnungen).
Noch immer stand die deutsche Bevölkerung Neustadts unter der Gerichtsbarkeit der Möllenvogtei. Allerdings war der Möllenvogt nun kein erzbischöflicher sondern ein kurfürstlicher Beamter. Die Städtische Verwaltung und Polizeigewalt führten jetzt zwei Bürgermeister, zwei Ratsherren und ein Stadtsekretär zuzüglich mit sechs Abgeordneten der Bürgerschaft. Die pfälzische und französische Bürgerschaft stand unter deren Magistrat in der Altstadt. Die Pfälzer hatten ihr Rathaus in der Magdeburger Altstadt.
Neustadt war um 1800 in vier Stadtviertel eingeteilt, jeweils zwei beidseits des Neustädter Breiten Weg (Hohepfortestraße). Wie in der Altstadt, so waren auch die Bürgerwehren Neustadts organisiert. Je Stadtviertel gab es neben den Bürgermannschaften ein Hauptmann, Offiziere und Unteroffiziere.
Die Bevölkerung Neustadts bestand größtenteils aus Ackerbürgern und sie betrieben Landwirtschaft.
Durch die französischen und pfälzischen Zuwanderer kamen auch manufakturische Gewerbe hinzu. Das waren u.a. Tuchmacher Strumpfwirker und Seidenproduzenten. Auch die Tabakindustrie blühte auf.
Bis 1800 war die Zahl der öffentlichen Gebäude auf 18 gestiegen. 679 Privathäuser beherbergten 5388 Einwohner. Ende des 18. Jahrhunderts unterhielt Neustadt das 3. Musketier Bataillon des Regiments von Kalkstein als Garnison. Es ist anzunehmen dass auch dieses Militär in Bürgerquartieren untergebracht war, denn Kasernen gab es in Neustadt keine. Wohlhabende Bürger konnten sich von Einquartierungen freikaufen.
Nach der verlorenen Doppelschlacht von Jena/Auerstedt 1806 floh das geschlagene preußische Heer vor den nachsetzenden französischen Truppen Napoleons bis Magdeburg. Die Festung füllte sich mit preußischen Truppen aller Waffengattungen und vor allem mit Verwundeten. Marschall Ney war ihnen auf den Fersen und gelangte mit 7000 Mann und wenigen Geschützen ungehindert bis vor die Magdeburger Festungswälle. Von der Neustadt aus wollten die Franzosen, wie bereits Tilly 1631, Magdeburg erobern.
Neustadt wurde vom 3. Bataillon des Regiment von Kleist, unter Major Hollwede tapfer verteidigt. Es gelang den Franzosen sich in einer Cichoriendarre vor der Neustadt festzusetzen. Hollwede organisierte einen kühnen Ausfall und vertrieb den Feind von dort.
Der Kommandant der Festung Magdeburg, General Kasimir von Kleist übergab aber schließlich die Festung mit 23800 Mann am 6. November 1806 an Marschall Ney, was ihm danach als schimpfliche Kapitulation angelastet wurde und er beim Preußenkönig deshalb in Ungnade fiel.


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Neustadt vor der Zerstörung, Zeivhnung H. Menzel



Teil 2

Am 11. November 1806 zogen die französischen Truppen ohne Schwertstreich in die Festung Magdeburg und damit auch in Neustadt ein. Unverzüglich musste Magdeburg eine Kontribution von 150000 Talern aufbringen und diese 7000 Mann und Pferde versorgen.
Der Bruder Napoleons Hieronymus (Jerome) wurde König von Westfalen und am 1. Januar 1808 mussten auch die Neustädter ihm huldigen. Magdeburg wurde Hauptstadt des Elb- Departements des neuen Königreiches. An Stelle der bisherigen Gesetze trat nun der „Code Napoleon“. 1809 wurden alle Innungen und die kirchlichen Einrichtungen ab 1810 aufgehoben.
Im Jahre 1810 befahl Napoleon, um freie Schussfreiheit für die nun französische Festung zu erhalten, einen ersten Abschnitt des Stadtgebietes Neustadts abzubrechen. Auch Sudenburg erfuhr dieses Schicksal. Nicht etwa die Soldaten führten das Zerstörungswerk aus, nein, die Bürger mussten es auf eigene Kosten tun.
Per dekret ordnete Napoleon am 2. Februar 1812 an, die Festung in den Belagerungszustand zu versetzen und weiter auszubauen. Die Französische Armee sollte in Russland dann geschlagen werden und zog sich 1813 im jämmerlichen Zustand nach Deutschland zurück. Nun mussten ab 1. April 1812 weitere Teile Neustadts niedergerissen werden. Das betraf 248 Bürgerhäuser oder Grundstücke mit 2100 Bewohnern und Gewerbetreibende.
Von den nun obdachlosen Einwohnern zogen 540 Wohlhabende in andere Städte. Die Zurückbleibenden suchten Zuflucht in den noch stehen gebliebenen kleinen Ställen oder in Kellern. Den Geschädigten wurde ein Gesamtgrundbesitz von 126 Hufen und 20 Morgen auf der benachbarten Domäne, steuerfrei auf 10 Jahre, zugesichert. Auf eigene Kosten durften nun die Neustädter mit altem Abbruchmaterial 20 neue Häuser an der Lüneburger Chaussee errichten. Das war im Herbst 1812 die Geburtsstunde der Neuen Neustadt, die damals den Namen Hieronymusstadt erhielt. Der spätere Nikolaiplatz war der Hieronymusplatz. Da, wo später die Nikolaikirche errichtet wurde, sollte eine Denkmalstele aufgestellt werde. Ob sie auch ausgeführt wurde ist allerdings nicht überliefert.
Ein weiteres Vernichtungswerk Neustadts, nun Alte Neustadt, erfolgte im zeitigen Frühjahr 1813. Wieder waren 260 Häuser betroffen, das Rathaus am Thie (Marktplatz) und die Nikolaikirche am 27. März 1813. Nur ein kläglicher Rest der alten Neustadt in der Nähe des Sieverstores waren im Norden stehen geblieben.
Die Schlachten der Jahre 1813 und 1814 führten zum ersten Pariser Frieden 1814. So wurde der 24. Mai 1814 ein wahrer Jubeltag für Magdeburg, Sudenburg und Neustadt, als die verbündeten preußischen und russischen Truppen unter dem kommandierenden General Graf von Tauentzien ihren Einzug in Magdeburg hielten. Das dazu bestimmte Armeekorps war nördlich der Stadt, jenseits der Schrote angetreten und zog nun von der demolierten Neustadt aus, auf der Wolmirstedter Chaussee durchs Krökentor, feierlich begrüßt und bejubelt, ein.
Hieronymusstadt, die ein planmäßiges rechtwinkliges Straßennetz erhalten hatte, besaß damals noch keine Hausnummerierung Straßenweise, sondern alle Straßen umfassend umlaufend. Das ist heute kaum vorstellbar. Gleich nach dem Abzug der Franzosen wurde der neue Stadtteil umbenannt in Neue Neustadt.
Im Herbst 1812 hatten gerade erst fünf Hauswirte gebaut. Dazu kam noch die Plack’sch Cichoriendarre und der Gasthof „Zum Adler“. In den Folgejahren wurden nach und nach weitere Grundstücke errichtet. Erst 1851 zählte Neue Neustadt 433 und 1865 erst 620 Häuser. In beiden Stadtteilen (Alte und Neue Neustadt) waren 1840 657, 1855 753 und 1865 932 Häuser neu gebaut worden.
Im Jahre 1840 errichteten die Neustädter ein neues Rathaus mit Saal und großer Freitreppe davor im neogotischen Baustil am Nikolaiplatz.

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Die Zerstörungen Neustadts 1812/13 H. Menzel


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Neue Neustadt in der Entstehung 1812/13 Stadtarchiv





Teil 3

Auf dem großen Marktplatz (Nikolaiplatz), wo zuvor die französischen Besatzer eine Hieronymusstele errichten wollten, sollte nun eine neue Nikolaikirche entstehen. 1815 begannen die Vorbereitungen und Planungen. Karl Friedrich Schinkel erhielt den Auftrag einen Entwurf zu fertigen. Da dieser im Neogotischem Stil, mit einem hohen Ostturm entwickelt war, fand er bei der Festungskommandantur 1817 keine Genehmigung. Er war zu hoch. Schinkel entwarf 1818 den zweiten Entwurf. Dieser wurde 1821 begonnen und 1824 konnte das neue Gotteshaus feierlich eingeweiht werden. Einige Jahre später erhöhte man das Turmpaar um ein Stockwerk. Ein Sinnspruch an der Westfassade erinnert noch heute an den Neubau:
Im Kriegesdrang zerstört 1813
Mit Gott durch Königshuld
Im Frieden hergestellt 1824.
(1944 erneut durch Bomben zerstört und am 24. März 1954 feierlich wieder eingeweiht)
Ab 1840/50 setzte nicht nur in und um Magdeburg eine noch nie da gewesene Industrialisierung ein. Für Neustadt (Alte und Neue Neustadt) wurden Industriezweige geschaffen, die landwirtschaftliche Produkte verarbeiteten. So entstanden neben der Cichorienindustrie auch Sauerkrautfirmen, Stärke- Konserven- und Schokoladenfabriken der Firma Hauswaldt sowie Kleinindustrien bis hin zu den bekannten Mundlos- Nähmaschinen. All die Industriebetriebe benötigten auch jede Menge Wasser und so entstand an der Wasserkunststraße ein Wasserwerk. Die großen Brauereien Bodenstein in der Sieverstorstraße und Wericke an der Lübecker Straße gewannen gutes Trink- und Brauwasser aus den Steinbrüchen an der Lübecker Straße. Beide Brauereien expandierten in kürzester Zeit und wurden zum Markenzeichen, nicht nur wegen des guten Magdeburger Bieres, sondern auch durch ihre massigen Sudhäuser und Türme. Sie waren Stadtbild prägend.
Der Steinbruch an der Lübecker Straße wurde zu einer reizvollen Parkanlage mit Insel unten im Schwanenteich. Grottenluden zum Verweilen ein. Oben befand sich die Wilhelma mit Tanz- und Konzertsaal. An der Sieverstorstraße hatte sich auch eine große Ziegelei etabliert.
Der industrielle Aufschwung ging einher mit den Anschluss beider Neustadtteile an die Eisenbahnverbindungen. Der Neustädter Bahnhof entstand an der späteren Gröperstraße und die Pferdestraßenbahn verband diese Stadtteile mit der Altstadt. Noch war aber die alte-neue Festung nicht aufgehoben. Das geschah erst nach 1900. Erst ganz zuletzt machte die Nordfront der Festung einer neuen Nordfrontbebauung Platz. Inzwischen war der Nordfriedhof in eine große Nordparkanlage umfunktioniert worden. Der alte Vogelgesang mit Ausflugsgaststätte entwickelte sich zur schönsten Parkanlage Deutschlands, mit Staudengärten, alten Baumalleen, Rosen und Dahliengärten, wo auch für reichlich Unterhaltung gesorgt wurde.
Und wieder war es ein verheerender Krieg, ein zweiter, der nicht nur Neustadt in eine Trümmerwüste verwandelte. Die schlimmste Zerstörung fand am 5. August 1944 durch angloamerikanische Bomberverbände statt.
Wie sich der Norden Magdeburgs nach dem Kriege entwickelte kann heute jeder selbst erleben. Es ist ein neues Kapitel der Stadtteilgeschicht Nord.

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Eizug Tauentziens 1814

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Alte und Neue Neustadt, A. Platt 1838 Stadtarchiv
Verwendete Literatur:
K. Scheffer, Mitteilungen aus der Geschichte Neustadts, 1866
Hoepel, Zerstörung und Wiederaufbau der Neustadt 1812/13, Montagsblatt

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