#1 Jemmeritz, 10.4.1945 von MAGADO-2 26.12.2014 09:25

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Jemmeritz, 10. April 1945
Es ist früher Morgen und auf dem Flugplatz Nr. 139 (Thorpe Abbotts) werden die B-17 der 100. Bomber-Group zum Start vorbereitet. Die Piloten und Navigatoren sind im Lagezentrum versammelt, um in die anstehenden Ziele eingewiesen zu werden. Für die 100. Bomber-Group sind es an diesem Tag vor allem die Flugplätze in Mecklenburg und Brandenburg. Nach dem letzten, verzweifelten Versuch der deutschen Luftwaffe am 7. April 1945 mit dem Einsatz von Selbstopferpiloten und den noch verfügbaren Me 262 den alliierten Bomberströmen schwere Verluste zuzufügen, will die US Army Air Force (USAAF) die Einsatzhäfen der Me 262 zerschlagen. Die überwiegende Mehrheit der am 7. April eingesetzten Selbstopferpiloten vom „Sonderkommando Elbe“ war nicht zu den Bombern durchgekommen. Die es geschafft hatten sind von den amerikanischen Begleitjägern abgeschossen worden, oder bei dem Versuch einen Bomber zu rammen, umgekommen. Es ist der letzte Großangriff der 8. US-Luftarmee auf die wenigen noch intakten Flugplätze östlich der Elbe. Ziele waren die Flugplätze Parchim, Brandenburg-Briest, Rechlin-Lärz, Zerbst und Burg und die Flugzeugwerke und das Artilleriedepot in Oranienburg.
Bei dem Flugplatz mit der Nr. 139, handelte es sich um einen Sattelitenflugplatz von Horham (6,4 km östlich von Diss) in Norfolk. Mit dem Bau dieses Flugplatzes wurde 1942 für die Royal Air Force (RAF) begonnen. Nach dem Eintritt der USA in den Krieg gegen Deutschland, verbunden mit dem schnellen Aufbau der 8. US-Luftarmee, wurde der Platz an die USAAF übergeben. Es erfolgte eine Erweiterung, die ursprünglich geplanten 36 Abstellplätze wurden um 50 erweitert. Neben zwei Hangars wurden Werkstatt- und Mannschaftsgebäude errichtet. Am 9. Juni 1943 belegte die 100. Bomber-Group von Kearney, Nebraska kommend den Flugplatz, welcher nun die Nr. 139 bekam. Auf dem Platz wurden die 349. 350. 351. und 418. Bomber-Schwadron stationiert. Alle Schwadronen waren mit der B-17, wegen ihrer umfassenden Abwehrbewaffnung auch „Fliegende-Festung“ genannt, ausgerüstet.
Die 100. Bomber-Group war an vielen schweren Missionen beteiligt und hatte sehr hohe Verluste, was ihr den Spitznamen „Die blutige Hundert“ einbrachte. Die Bomber-Group verlor bei einigen Einsätzen ein Dutzend und mehr Flugzeuge. Den letzten Angriff flog die 100. Bomber-Group am 10. April 1945. Im Dezember 1945 wurde die Group nach Camp Kilmer, New Jersey in die Staaten zurückverlegt und demobilisiert.
Der Flugplatz Thorpe Abbotts wurde am 27. Juni 1946 an die RAF übergeben und 1956 geschlossen. Es erfolgte der Rückbau und das Gelände wurde wieder weitgehend der landwirtschaftlichen Nutzung zugeführt. Eine kleine Landebahn blieb erhalten und wird von Kleinflugzeugen genutzt, im Kontrollturm ist ein Museum über die 100. Bomber-Group eingerichtet.
An diesem 10. April setzt die 8. US-Luftarmee an viermotorigen Bombern 958 B-17 und 357 B-24 ein. Diese Bomberarmada wird von 801 Jägern begleitet. Dem hat die deutsche Luftwaffe wenig entgegen zu setzen. Neben anderen Jägern kommen auch etwa 50 bis 55 Me 262 zum Einsatz, 12 davon in der Altmark. Über der Altmark werden an diesem Tag mindestens drei B-17 durch Me 262 abgeschossen. Insgesamt sind für den 10. April 1945 fünf Abstürze bekannt. Die Absturzorte liegen bei Jemmeritz, Güssefeld, Zobbenitz Klüden und Ipse. Mindestens 20 amerikanische Flieger können die abstürzenden B-17 verlassen und mit dem Fallschirm landen.
Die erste B-17 erwischt es gegen 11.49 Uhr zwischen Brome und Klötze, sie stürzt in Jemmeritz ab, eine Minute später wird die B-17 des Piloten Delbert D. Reeve über Badel getroffen und stürzt auf den Wiesen bei Güssefeld - Bühne ab. Beide Maschinen hatten den Flugplatz Burg als Ziel. Um 14.53 Uhr wird die „Queen of Hearts“ von Oberleutnant Edward Sell bei Zobbenitz durch eine Me 262 abgeschossen. Diese Maschine befand sich auf dem Rückflug von Oranienburg.
Wenig später erwischt es die B-17, Serien Nr. 44-8702, 487. Bomber-Group, des Piloten Hauenstein. Die Maschine war auf dem Rückflug von Brandenburg, Diese B-17 wird mit brennendem Motor bei Lüderitz fotografiert. Diese B-17 stürzte bei der Ortschaft Klüden, südlich von Gardelegen ab. Der Heckschütze De. Lachica wurde auf dem Friedhof in Klüden bestattet. (1)
Dem Absturzbericht Nr. 13885, Absturz bei Zobbenitz, ist Nachfolgendes zu entnehmen: Die B 17 mit der Serien Nr. 44-6913 gehörte zur 837. Bomber-Schwadron der 487. Bomber-Group. Angriffsziel war Brandenburg. Zur Besatzung gehörten 10 Mann. Pilot war Edward Sell, Co-Pilot Benjamin Hauck, Navigator James R. Mckinney, Bombenschütze Luther O. Robinson, Funker John D. Peters, Bordmechaniker Robert L. Brownstein, und die Bordschützen Salomon Sneyder John S. Giannini, Arnold F. Edwards und George D. Phillips. Ale zehn Besatzungsmitglieder können die Maschine verlassen und mit dem Fallschirm sicher landen.
Über den Luftkampf wird folgender Bericht gegeben: Unmittelbar vor dem Richtungswechsel begann Flugzeug 913 zurückzufallen. Es war gerade dabei wieder aufzuschließen, allerdings nicht in seiner richtigen Position, als die Formation von einer Me 262 angegriffen wurde. Während des Angriffs sah der Heckschütze des Formationsführers zwei große Treffer neben den Rumpffenstern an beiden Seiten. Das Flugzeug fing kein Feuer und verblieb noch ein paar Minuten in der Formation. Dann drehte es nach links ab und verlor ganz langsam an Höhe. Es schien unter Kontrolle zu sein und alle 4 Triebwerke funktionierten, als es zuletzt gesehen wurde.
Die 487. Bomber-Group mit ihren vier Schwadronen, 836, 837, 838 und 839 war auf dem Flugplatz Lavenham in Suffolk stationiert. Dieser Flugplatz wurde 1943 gebaut und am 5. April 1944 von der aus Alamogordo in New Mexico kommende 487. Bomber-Group bezogen. Die Group flog anfänglich sowohl die B-17 „Flying Fortress“ als auch die B-24 „Liberator“. Im März 1945 war die Umstellung auf die B-17 abgeschlossen. Die 487. Bomber- Group flog 185 Kampfeinsätze und verlor dabei insgesamt 57 Flugzeuge. 33 wurden abgeschossen und 24 mussten wegen schwerer Schäden als Totalschaden abgeschrieben werden. Im August – September kehrte die 487. Bomber-Group in die USA zurück und wurde am 7. November 1945 deaktiviert. Der Flugplatz Lavenham wurde 1948 geschlossen und bis auf wenige Betonstraßen zurückgebaut und der landwirtschaftlichen Nutzung übergeben.
Die B-17 von Leutnant Mc. Ginnes, Serien Nr. 44-8808, 487. Bomber-Group, zerschellte bei Ipse, südlich von Gardelegen. Die abgesprungenen Flieger landeten im Dreieck Ipse – Klüden – Letzlingen. (2)
Kurz vor 12.00 Uhr erreicht der amerikanische Bomberstrom von Südwest kommend den Raum Klötze, als zwei Me 262 vom JG 7 überraschend angreifen. Innerhalb von Sekunden hat die B-17 des Piloten Lawrence L. Bazin Treffer in den rechten Flügel bekommen. Die Motoren 3 und 4 begannen zu brennen und die Maschine beginnt zu trudeln. Die B-17 schlägt bei Jemmeritz auf. Die beiden Me 262 ziehen wieder hoch, fliegen über den Verband weiter und stürzen sich wenige Sekunden später auf die nächste B-17. Über Badel wird die vorn rechts in der Formation fliegende B-17 des Piloten Dalbert D. Reeve abgeschossen. Dieser Bomber zerschellt nach einer weiten Schleife über Zethlingen – Thüritz auf einer Wiese zwischen Güssefeld und Bühne. Drei Flieger können das stürzende Flugzeug verlassen, einer, der Bombenschütze Woodham kann sich nach der Landung verstecken, zwei, der Co-Pilot Willet und der Navigator Poulos werden nach der Landung in Zethlingen auf der Bank vor der Bäckerei Westphal von Zeitzeugen letztmalig gesehen, sie gelten danach als vermisst.

Von welchem deutschen Flieger die Bomber abgeschossen wurden, konnte nicht geklärt werden.
Nach deutschen Quellen kommen in Frage:
Oberfähnrich Josef Neuhaus 1. Staffel JG 7
Fähnrich Ernst Pfeifer 3. Staffel JG 7
Von amerikanischen Quellen wird auch der Flieger Gerhard Reiher von der 1. Staffel JG 7 genannt.
Alle genannten haben am 10. April eine B-17 abgeschossen, wobei der Ort nicht genannt ist.
Oberleutnant Walter Schuck, dem für diesen Tag 4 Abschüsse zuerkannt sind, gibt an, nicht über der Altmark eingesetzt gewesen zu sein. Er hätte seine Abschüsse im Raum Oranienburg – Bernau – Berlin erzielt.
Für die Abschüsse am Nachmittag kommen zwei weitere Piloten in Frage. Leutnant Paul Palenda und Leutnant Rossow von der 1. Staffel KG (J) 54. Beide waren in Zerbst stationiert und erzielten am 10. April jeweils zwei B-17 Abschüsse. Allerdings sollen die Maschinen erst gegen 14.00 Uhr in Zerbst gestartet sein.
Näher eingehen möchte ich auf die B-17, welche bei Jemmeritz abgestürzt ist.
Nach den amerikanischen Quellen handelt es sich bei der Maschine, welche ihr Ende unmittelbar zwischen dem Gut und dem Schloss Jemmeritz gefunden hat, um eine B-17 G mit der Serien Nr. 43-38963. Die Maschine gehörte zur 351. Bomber-Schwadron von der 100. Bomber-Group. Angriffsziel war der Flugplatz Burg. Zum Zeitpunkt des Angriffs versuchte sich die Maschine in das am höchsten fliegende Angriffsgeschwader in den linken Pulk einzureihen.
Anmerkung: Die Amerikaner flogen ihre Tagangriffe in Pulks (Combat Box), zu jeweils 18 Flugzeugen, die jeweils in einem Schwarm von 6 Flugzeugen als Hochflugstaffel, Führungsstaffel und Tiefflugstaffel in verschiedenen Höhen flogen. Drei Pulks bildeten ein Angriffsgeschwader (Wing), in welchem jeder Pulk nach dem Start im Sammelraum seinen Platz zugewiesen bekam. Die Pulks bildeten Gruppen, welche in verschiedenen Höhen flogen. In der Höhe Staffelten sich die Pulks in 250 Meter und das Angriffsgeschwader mit seinen drei Pulks, Hochfluggruppe, Führungsgruppe und Tieffluggruppe auf 800 bis 1000 Meter. Die Anflughöhe lag in der Regel zwischen 7 und 8000 Meter. So folgte ein Geschwader dem anderen in Länge und Breite, es entstand, der vom Boden gut zu beobachtende Bomberstrom. Durch diese Staffelung in Höhe und Breite erzielten die Geschwader größte Effektivität beim geschlossenen Bombenabwurf und die Flugzeuge deckten sich mit ihrer umfassenden Bordbewaffnung gegenseitig. Die B-17 wurde mit ihren 14 schweren MG nicht umsonst „Fliegende-Festung“ genannt. In der Regel griffen die amerikanischen Bombenflieger Ziele nicht unter Geschwaderstärke an.

Zur Besatzung gehörten: 1st Lt. Lawrence L. Bazin Pilot
2nd Lt. James R. Dotson Co-Pilot
2nd Lt John D. Gross Navigator
(2 Seiten-Bug-MG)
T/Sgt. Arthur W. Flowers Bombenschütze
(Bug-Zwillings-MG)
T/Sgt. Glenn D. Abraham Jr. Funker
(Zwillings-MG oben)
S/Sgt. Roens W. Shearwood Bordmechaniker
(Turmschütze)
S/Sgt. Richard E. Smith Unterer Kugelturmschütze
S/Sgt. Richard D. Long Hüftschütze
S/Sgt. Paul H. Decker Heckschütze
S/Sgt. Robert B. Patterson Radar Überwacher
(Hüftschütze)

Für die Besatzung sollte es die letzte Mission sein, für Bazin, Dotson, Flowers, Smith und Decker gab es keine Widerkehr. Bazin, Smith und Decker hatten 1945 bereits 21 Einsätze geflogen und Flowers 29. Für den Co Piloten James R. Dotson war es die erste und letzte Mission.
Ihre Angriffsziele waren: Berlin, Kassel, Siegen, Frankfurt, Dortmund, Hamburg, Swinemünde, Oranienburg, Plauen, Unna, Ahlhorn, Linna, Steenwijk, Ziegenhain, Hannover, Bad Burka, Kiel, Nürnberg, Leipzig und Burg, einige Ziele mehrfach.

Die Maschine hatte bereits vor dem Abschuss durch eine Me 262, Probleme mit einem Motor.
Im Amerikanischen Bericht vom 15. April 1945 steht: Flugzeug 43-38963 musste mit Triebwerk 2 in Segelstellung aus der Formation ausscheren. Es versuchte dann, sich am Schluss der Formation einzureihen, als 2 Me 262 ihren Angriff starteten. Flugzeug 43-38963 wurde am rechten Flügel getroffen und ein großes Teil riss ab. Dann gingen die Triebwerke 3 und 4 in Flammen auf und das Flugzeug drehte nach unten rechts ab. Auf seinem Weg nach unten wurden die Flammen größer und dem Anschein nach schlug es mit einer heftigen Explosion auf dem Boden auf. Fallschirme wurden nicht gesichtet.
Der Absturz wurde beobachtet von: 1st Lt. Robert W. Wilkes
1st Lt. Laurence J. Lazzari
1st Lt. Pascale R. Powell

Sergeant Roens W. Sherwood gibt einige Tage später zu Protokoll: Das Flugzeug war dabei auseinanderzubrechen als ich es verließ, und meines Erachtens sprang kein anderes Besatzungsmitglied mit dem Fallschirm ab. Ich sprang in einer Höhe von rund 10000 Fuß (ca. 3000 Meter) ab und sah keine weiteren Fallschirme. Als ich landete, sah ich niemanden von der Besatzung.

Sherwood war am 11. April bei Klötze auf Soldaten der 5. US-Panzer-Division gestoßen. Er war bereits am 15. April wieder auf dem Flugplatz Thorpe Abbotts.
Allerdings irrt sich Sherwood, es konnten noch weitere vier Besatzungsmitglieder die Maschine verlassen, bevor sie unmittelbar auf dem Gelände des Gutes Reinicke aufschlug. Das Heckteil der Maschine lag etwa zwischen Gutshof und dem Schloss, weitere Teile waren in einem großen Umkreis, bis hinter dem Schloss verteilt, weil die Maschine schon während des Sturzflugs demontierte. Nach dem Krieg wurden die Teile zusammengetragen und verschrottet.

Die Flieger Glenn Deane Abraham Jr. und Richard D. Long, sowie der Navigator John D. Gross haben Fragebögen ausgefüllt, in denen sie Auskunft über das Geschehen an Bord der B-17 nach dem Angriff geben. Es müssen sich dramatische Szenen abgespielt haben, als die Besatzungsmitglieder verzweifelt versuchten die trudelnde Maschine zu verlassen.
Der Pilot Lawrence Bacin blieb am Steuer, bis die Fliehkräfte durch die Drehung der Maschine so groß wurden, dass er sie nichtmehr beherrschen konnte. Bei dem Versuch den Sturzflug und die Drehung abzufangen, wurde der linke Flügel vom Rumpf abgerissen. Die Leiche des Piloten Bacin wurde nicht gefunden. Der Co. Pilot, James R. Dotson blieb zur Unterstützung des Piloten im Cockpit, auch seine Leiche wurde nicht gefunden. Arthur W. Flowers befand sich im Bug des Flugzeugs auf dem Platz des Bombenschützen und wollte sich gerade seinen Fallschirm anlegen, als die Sauerstoffflaschen unter dem Cockpit explodierten. Durch die Explosion wurde er aus dem Bug der Maschine geschleudert und fiel im freien Fall auf die Erde. Seine Leiche war bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, ein Fallschirm wurde nicht gefunden. Er lag ungefähr 275 Meter vom Wrack des Flugzeugs entfernt.
Über den Kugelturmschützen, Richard E. Smith berichtet John D. Gross: Kurz vor dem Absturz gab er über Bordfunk den Angriff zweier Flugzeuge durch. Auf die Frage nach dem angreifenden Flugzeugtyp antwortete er: „Düsenjäger, schießt sie ab, Decker!“ Er befand sich im Kugelturm und war meines Wissens nicht verletzt. Von der deutschen Familie Renick (Reinicke) erfuhr ich, als ich die Absturzstelle aufsuchte, nachdem sie von US-Truppen besetzt wurde und ich wieder unter alliierter Kontrolle war, dass seine Leiche mehr als 180 Meter entfernt vom Wrack lag und er seinen Fallschirm trug. Ich bin überzeugt, dass er seinen Turm verlassen konnte, da er seinen Fallschirm trug. Seine Leiche war nicht so übel zugerichtet. Er ist also vielleicht aus geringer Höhe abgesprungen und hatte keine Zeit, seinen Fallschirm zu öffnen.
Die oben genannte Familie beerdigte Sgt. Smith auf dem zum Gehöft gehörenden Privatfriedhof. Ich besuchte das Grab.
Die Kugelturmschützen hatten bei einem Absturz wenig Chancen das Flugzeug zu verlassen, da sie erst aus dem unter dem Flugzeug hängenden Kugelturm klettern mussten, was bei den beengten Verhältnissen und den mitunter herrschenden Fliehkräften schwierig war. Besonders wenn die Kameraden keine Hilfe leisten konnten.
Paul H. Decker befand sich während des Angriffs im Heckstand. Wahrscheinlich wurde er schon während des Angriffs verletzt. Er muss noch versucht haben seinen Fallschirm, der immer hinter seinem Stand lag, zu erreichen. Durch den Sturzflug und die Drehung des Flugzeugs ist es ihm scheinbar nicht gelungen und seine Leiche wurde in der Nähe des Spornrades derart eingeklemmt, dass sie von der Familie Reinicke nicht geborgen werden konnte. Erst nachdem US-Soldaten das Wrack zerlegt hatten konnten Sanitäter des Sanitätsdienstes vom XIII. Korps die Leiche bergen.
Richard D. Long berichtet über seinen Absprung: Abgesprungen zirka 90 Minuten östlich von Hannover. Patterson sprang durch die Tür im Mittelteil, also durch die reguläre Absprungöffnung, ab. Glen D. Abrahms folgte ihm und ich folgte Abrahms.
Auf die Frage, wo das Flugzeug aufgeschlagen ist, antwortet er: Ein paar Kilometer von der Absprungposition, ca. 15 Meilen (ca 24 km) von der Stelle entfernt, wo wir die Formation verlassen haben.
Abrahms Jr. berichtet: Roens W. Sherwood sprang durch das Loch unter dem Cockpit, Lt. John D. Gross wurde aus dem Bug hinaus gerissen, Long, Patterson und ich sprangen durch die Luke im Mittelteil.

#2 RE: Jemmeritz, 10.4.1945 von MAGADO-2 26.12.2014 09:26

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Zum Schluss noch einige Worte zum Dorf und Gut Jemmeritz.
1392 wird das Dorf erstmals in einem Lehensbrief derer von Alvensleben genannt. Allerdings finden wir in einer Urkunde von 1472 den Ort als „dat wüste dorp Gelmeritze mit dem mollendyk“. Nach dieser Urkunde war Jemmeritz um 1500 wüst und hatte einen Mühlenteich. Die Wassermühle lag an der Bäke und wurde bis nach dem 2. Weltkrieg betrieben. Der letzte Müller war Wilhelm Hosenthien. Bereits 1633 wird für Jemmeritz eine Ziegelei nachgewiesen, allerdings ist nicht bekannt, wie lange sie betrieben wurde. Der letzte bekannte Ziegelmeister war 1704 Hans Wernecke. 1820 werden für Jemmeritz 12 Wohnhäuser, 1 Schäferei, 1 Försterei und eine Wassermühle genannt. Die Einwohnerzahl belief sich auf 65.
Im 17. Jahrhundert errichteten die von Alvensleben (Kalbe und Zichtau) das Vorwerk Jemmeritz, welches sich im Laufe der Zeit zu einem Gut entwickelte. Anfang des 18. Jahrhunderts bewirtschaftete ein Herr Solbring im Auftrag des Gutsherrn das Gut. 1811 wurden die von Alvensleben durch die Franzosen von ihrem Gut Jemmeritz vertrieben und die Familie von Goslar ersteigerte es. Danach wechselte das Gut mehrfach den Besitzer. 1867 ist ein Herr Grothe Besitzer, 1880 gehört das Gut Wilhelm Bonnes. Sein Sohn Christop trieb es besonders toll. Schlechte Wirtschaftsführung, Gelage und Frauengeschichten führten das Gut in den Ruin. 1904 ging es an den Fabrikbesitzer Johann Bischoff aus Oerbke bei Fallingbostel. 1906 erwarb der Gutsbesitzer Damke aus Neuendorf das heruntergewirtschaftete Gut, einschließlich der Wassermühle und Brennerei. Zum Gut gehörten damals 350 ha Forsten, 200 ha Acker und 50 ha Weideland. Damke setzte sich für die Entwicklung des Ortes ein, er warb Siedler und stellte Land zur Gründung von Neu-Jämmeritz zur Verfügung. 18 Kolonisten aus ganz Deutschland folgten seinem Aufruf und siedelten. Damit wurde 1906 die Gründung von Neu-Jämmeritz eingeleitet. 1910 war die letze Siedlung aufgebaut, zu denen 5 bis 30 Morgen Land gehörten. Allerdings war der Anfang auf den Mageren Böden sehr mühsam und einige Siedler gaben nach kurzer Zeit auf. Dammke sorgte auch maßgeblich für den Bau der Kleinbahn von Wernstedt nach Klötze.
Damke verkaufte das Gut und das 1908 erbaute Schloss an den Hotelbesitzer Heine in Oebisfelde, dieser hat es dann im Herbst 1916 an die von Goßlar auf Zichtau verkauft. Am 10. Juni 1925 wechselt das Gut erneut den Besitzer für 660 000 Mark, es geht an Asseborn. Bereits ein Jahr später kauft ein Deutschamerikaner aus Chikago das Gut mit allem, was dazugehört. Dem Dipl. Ing. Bruno Reinicke soll das Gut bei einem Überflug so gut gefallen haben, dass er sich sofort zum Kauf entschlossen hat. Reinicke war Unternehmer und mehrfacher Millionär. Zur Bewirtschaftung stellt er den Verwalter Heinrich Götz ein. Das Gut umfasst zu dieser Zeit 150 ha Ackerland, 25 ha Weiden und 335 ha Wald. Gehalten werden 16 Pferde, 42 Kühe, 300 Schafe und 100 Schweine. Reinicke selbst kümmert sich um seine Geschäfte in Amerika und eine Fabrik in Halle, bei der Aufsichtsrat und Aktionär war. Er selbst weilte nur gelegentlich zur Entspannung und Jagd im Schloss an der Bäke, der sogenannten „Rosenvilla“. Seine Frau kümmerte sich um das Gut und die Erziehung der drei Kinder. Die beiden Jungen Bruno und Hans gingen in Klötze zur Schule, das Mädchen Johnne wurde 1935 in Jemmeritz eingeschult. Mit dem Abzug der Briten im Juni 1945 verließen die Reinickes Jemmeritz und gingen wieder nach Amerika. Das schöne Schloss fiel bereits 1945 der Spitzhacke zum Opfer. Die Bewohner plünderten das Inventar, jeder holte sich was er brauchte. Von der Besatzungsmacht wurden Scheine ausgestellt, um sich Steine, Türen und Baumaterial zu holen. Das Schloss wurde bis auf den Sockel aus Feldsteinen abgetragen. Heute stehen nur noch einige Grundmauer, das Turmfundament und der Torbogen. (3)


Oktober 2014
F. – W. Schulz
Zur Klauskirche 49
29410 Salzwedel OT Stappenbeck
zur Verfügung gestellt


Quellen:
Amerikanische Absturzberichte:
March 14170 (Bazin)

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